Statistiken

Deutschlands wahre Statistiken zum Hund

Wer heute die Zeitung aufschlägt, könnte leicht zu dem Schluss kommen, dass in Deutschland ständig irgend jemand von einem Hund schwer verletzt oder gar getötet wird. Selbst in der sonst so bürokratischen Bundesrepublik ist es allerdings schwierig, verlässliche Zahlenangaben zur realen Gefährlichkeit von Hunden zu erhalten. Bei genauerer Betrachtung von Hunde-Statistiken stellt sich meist heraus, dass unter der Überschrift “Vorfälle mit Hunden” alle möglichen Angaben zusammengefasst werden. Diese Zahlenwerke bestehen zum größten Teil aus Fällen von ruhestörendem Lärm. Ebenso enthalten ist das behördliche Einfangen entlaufener Hunde oder die Sicherstellung verwahrloster Tiere.

In Berlin zum Beispiel werden unter dem Titel “Gefahrdrohendes Anspringen und Beißvorfälle” alle Vorgänge zusammengefasst, die ursächlich mit Hunden zu tun haben. Was “Gefahrdrohendes Anspringen“ ist, definiert im Zweifel wohl derjenige, der den Vorfall bei der Polizei anzeigt. Unter einem Hundebiß wird jede Verletzung verstanden, die durch einen Hund verursacht wurde. Es sind also auch alle Vorgänge aufgeführt, bei denen z.B. jemand über einen Hund gestolpert ist oder angerempelt wurde und sich beim Sturz verletzte, Kratzer durch Hundepfoten beim Spielen etc. Ebenso wenig wird die Ursache der Verletzung ermittelt. Der Hund, der einen Einbrecher ins Bein beißt, erscheint genauso in der Statistik, wie der, der ohne ersichtlichen Grund ein Kind verletzt.

Eine etwas differenziertere Untersuchung ist die des Deutschen Städtetages von 1997. Die vorhergehende Untersuchung war 1991 für die Jahre 1987-90 erstellt worden. Beide sind beim Deutschen Städtetag nicht mehr erhältlich. Die nächste Studie wird voraussichtlich 2002 erscheinen. Die Studie von 1997 gibt die Ergebnisse einer Umfrage unter 265 deutschen Städten wieder.

Die Hundedichte war in Kaiserslautern, Remscheid, Hamm, Mönchengladbach, Ludwigshafen, Solingen und Salzgitter mit über 35 Hunden je 1000 Einwohnern am größten. In Gera, Heidelberg, Jena, Schwerin, Frankfurt am Main, Nürnberg, Ulm, Stuttgart und Freiburg i. Br. mit weniger als 20 Hunden je 1000 Bewohner gab es am wenigsten. Die Schlusslichter waren Chemnitz und Dresden mit 16 bzw. 15 Hunden auf eintausend Menschen.

Von 245 Städten mit 33,2 Millionen Einwohnern und 877.000 Hunden wurden für den fünfjährigen Erhebungszeitraum von 1991 bis 1995 insgesamt 21.126 Zwischenfälle mit Hunden gemeldet. Das sind 4225 pro Jahr, durchschnittlich 89 je Stadt oder 1,5 je Stadt und Monat.

Die 22 Städte mit mehr als 300 Fällen pro Jahr waren Berlin (2076 p.a.), Hamburg (399 p.a.), Düsseldorf (347 p.a.), Stuttgart (321 p.a.), Magdeburg (203 p.a.), Dessau (158 p.a.), Erfurt (157 p.a.), Hannover (149 p.a.), Bremerhaven (140 p.a.), München (130 p.a.), Dresden (125 p.a.), Frankfurt a.M. (114 p.a.), Bielefeld (112 p.a.), Bremen (550 p.a.), Essen (91 p.a.), Merseburg/Saale (89 p.a.), Bonn (80 p.a.), Nordhausen (80 p.a.), Duisburg (78 p.a.), Dortmund (67 p.a.), Köln (64 p.a.) und Potsdam (63 p.a.) In Köln gab es einen Vorfall auf 3000 Einwohner, in Merseburg an der Saale einen auf 94. Im Bezug auf die Einwohnerzahl gibt es also in einer Stadt 30 mal so viele Vorfälle wie in einer anderen. Dabei gibt es in Merseburg sogar nur 18 Hunde auf eintausend Bewohner, in Köln dagegen 26. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Unterschied nicht mehr mit dem Verhalten von Hund und Herrchen erklärt werden kann. Bei solchen statistischen Phänomenen muß dann aber auch hinterfragt werden, welchen Wert Daten haben, nach denen eine bestimmte Rasse im Verhältnis zu ihrem Bestand nur 2 mal so viele Vorfälle aufweisen soll. Beachtenswert ist weiterhin, dass in Städten mit bis zu 200.000 Einwohnern nur jeder 230. Hund überhaupt auffällig wurde, in Städten mit bis zu 500.000 Einwohner jeder 150. und bei über 500.000 Bewohnern sogar jeder 90. Hund.

Von den im Fünfjahreszeitraum gemeldeten 21.126 Fällen aus 245 Städten betrafen nach Angaben aus 208 Städten  8.356 Verletzungen bei Menschen, d.h. Körperverletzungen. Das sind durchschnittlich acht Fälle pro Stadt und Jahr. Davon 76% leichte Körperverletzungen, 20% mittlere und 4% schwere Körperverletzungen. Der Anteil von Kindern bis 14 Jahren an den Verletzten beträgt 17%. Das sind im Schnitt 1,4 Vorfälle pro Stadt und Jahr. Es werden allerdings auch Kratzer von Hundepfoten oder durch Hunde verursachte Unfälle aller Art als Verletzungen durch Hunde gewertet.

In 202 Städten mussten pro Jahr 920 Tiere aufgrund von Verletzungen durch Hunde veterinärmedizinisch behandelt werden, also durchschnittlich 4,5 je Stadt und Jahr. Es kamen 77 Tiere, darunter auch Katzen, Kaninchen, Schafe, Hühner usw. durch Hunde zu Tode, das sind 0,4 je Stadt und Jahr.

In 228 Städten wurden pro Stadt durchschnittlich 26 mündliche Verwarnungen ausgesprochen. 23 mal wurde ein Leinenzwang verhängt, 11 mal ein Maulkorbzwang. 17 Bußgelder wurden erlassen und ein Hund mußte eingeschläfert werden. Sonstige Maßnahmen wurden in 27 Fällen je Stadt verhängt. In größeren Städten wie Berlin, Duisburg, Köln, München, Nürnberg und Stuttgart war eine extreme Spannweite bei den Zwangsgeldern feststellbar. Diese variierten in einer Stadt zwischen DM 30,-- und DM 1.500,--, in einer anderen von DM 500,-- bis DM 5.000,--. 

93 Städte machten konkrete Angaben zu den auffällig gewordenen Hunderassen. So waren 33% Mischlinge, 27% Schäferhunde, 7,5% Rottweiler, 4,4% Pitbull, 3,1% Dobermann, Bullterrier und Staffordshire-Bullterrier je 2,3%, Dackel und Terrier je 2,2%, Dogge 1,6%, Boxer 1,3%, und Collie 1,0%. Aber auch Pudel waren mit 0,9% und Cocker Spaniel mit 0,8% dabei. Es muss jedoch betont werden, dass die städtischen Bediensteten in den Ordnungsbehörden grundsätzlich keine kynologischen Fachleute sind und diese Kenntnisse zur Wahrnehmung der ihnen obliegenden Aufgaben auch nicht erforderlich sind. So können unter der Angabe Terrier “alle Terrier mit Ausnahme des Pitbull gefaßt werden”. Die korrekte Zuordnung der Rassen ist also zweifelhaft.

Die absoluten Fallzahlen sind für ganz Deutschland sehr gering. So gab es z.B. in dem untersuchten Fünfjahreszeitraum 320 Vorfälle mit Pitbulls. Theoretisch gesehen könnten schon 4 Tiere dieser Rasse pro Bundesland mit einem Fall von ruhestörendem Lärm pro Jahr letztendlich mit insgesamt 300 Fällen zu Buche schlagen. Interessant ist dabei, dass von 79 weiteren Städten, die nur zu den Rassen mit Vorfällen Angaben gemacht haben ohne eine konkrete Fallzahl zu nennen, nur 12 den Pitbull überhaupt als auffällig erwähnen. Weitere 7 erwähnen den Bullterrier und nur 6 den Staffordshire Bullterrier.

Die jeweilige Auffälligkeit einer Rasse muss im Verhältnis zu ihrem Bestand betrachtet werden. Wenn z.B. 27% alle Vorfälle durch Schäferhunde verursacht wurden, diese aber auch 27% vom Bestand ausmachen, so Verhalten sich Schäferhunde offensichtlich völlig normal, also durchschnittlich. In Deutschland werden die Bestände jedoch nicht statistisch erfasst. Nach Einschätzung des VDH von 1995 werden pro Jahr 500.000 Welpen “benötigt”. Davon sind 40% Mischlinge (33% Anteil an Vorfällen) und 60% Rassehunde. Von den 300.000 Rassehundwelpen, die jedes Jahr das Licht der Welt erblicken, wurde aber in 1996 nur 118.000 von VDH-Mitgliedern gezüchtet. Daher sind die Angaben des VDH, von welcher Rasse wie viele Hunde jedes Jahr hinzukommen, für eine Bestandsanalyse nicht zu gebrauchen. Andere verwertbare Bestandsdaten sind nicht bekannt. Eine seriöse statistische Aussage über die Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen ist daher auch aus diesem Grunde nicht möglich.

Die Untersuchung des DST kommt zu dem Schluss, “dass der immer wieder - namentlich durch Berichte in den Medien - zu verzeichnende Eindruck, Hunde in Deutschland seien zu einem hohen Anteil gefährlich, aufgrund der tatsächlichen Zahlen der Vorfälle nicht zutrifft”. Pro Stadt und Monat gab es in dem untersuchten Fünfjahreszeitraum durchschnittlich 1,5 Vorfälle mit Hunden, davon 0,66 Körperverletzungen vom Kratzer an aufwärts. In den 265 ausgewerteten Städten lebten 1995 insgesamt 877.000 Hunde. In 245 Städten wurden 21.126 Vorfälle registriert. Ohne Berücksichtigung von mehrfach erfassten Hunden sind das knapp 2,5 % des Bestandes. Pro Jahr werden also nur 0,5 % aller Hunde in irgend einer Weise auffällig. Der Unterschied in der Anzahl der ausgewerteten Städte ändert nichts an der Tatsache, dass offensichtlich nur ein sehr geringer Teil aller Hunde jemals die Aufmerksamkeit einer Behörde auf sich zieht. Von 223 Städten gaben 54% an, mit lärmenden Hunden die größten Schwierigkeiten zu haben. Beim Vergleich mit der ersten Erhebung von 1991 “hat sich die Gefährlichkeit von Hunden ... mehr als halbiert”.

Von 150 Städten wurde die Dunkelziffer auf im Schnitt 85% geschätzt. Dies mag für harmlosere Fälle durchaus zutreffen, wenn zum Beispiel ein Hundehalter eine gegnerische Tierarztrechnung oder ein totes Huhn ohne Einschaltung der Behörden begleicht. Bei den für die Beurteilung der Gefährlichkeit von Hunden entscheidenden Fällen von Körperverletzungen ist es jedoch schwer vorstellbar, daß ein Betroffener die Ursache verschweigt. Dies gilt naturgemäß um so mehr, je schlimmer die Verletzung ist. Daher besitzt eine wie auch immer geschätzte Dunkelziffer kaum eine Relevanz für die Beurteilung der Gefährlichkeit von Hunden.

Bei den Hundestatistiken fehlt es an fast allem. Keiner kann genau sagen, was im konkreten Einzelfall passiert ist, ob ein Hund überhaupt zugebissen hat, ob sich Hund, Halter oder das Opfer falsch verhalten haben oder der Hund nur Herr und Haus verteidigen wollte, ob das Opfer den Hund provoziert hat, wie viele Unfälle im Spiel oder tatsächlich aus einer aggressiven Handlung heraus geschehen sind usw. Selbst durch Hunde verursachte Verkehrsunfälle gehen in einem unbekannten Umfang in die Statistik ein. Es gibt keine konkreten Angaben zu den Haltungsbedingungen. Wurde der Hund oft geschlagen, im Zwinger gehalten, für was auch immer missbraucht? Woher stammt das Tier? Aus privater Hand, vom Tierheim, aus Liebhaberzucht, von einem “Vermehrer”? Wie wurde der Hund sozialisiert? Hing er sein Leben lang an der Leine eines ängstlichen Frauchens oder konnte er im nahen Auslaufgebiet mit anderen Hunden spielen?

Die Rassezugehörigkeit wird zumindest immer dann von der anzeigenden Person bestimmt, wenn der schädigenden Hund nicht ermittelt werden kann. Frei nach dem Motto “Das war bestimmt ein sch... Kampfhund”. Es ist leicht vorstellbar, dass ein Ordnungsbeamter gerne ein Kreuzchen bei einer Rasse macht, die ja wie aus den Medien bekannt ohnehin besonders gefährlich sein soll. Wenn es um Hunde geht, sind rasch so viele Emotionen positiver und negativer Art mit im Spiel, dass eine brauchbare Statistik besonderer Sorgfalt bedarf. Die Statistik des deutschen Städtetages ist zwar wesentlich aussagekräftiger als andere, sie lässt trotzdem mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Politische Entscheidungen sollte man auf solchen Zahlenwerken nicht aufbauen.

Übrig bleibt nur, dass die tatsächlichen Gefahren, die von Hunden ausgehen, statistisch gesehen gering sind

In einem Land mit hunderttausenden Obdachlosen, tausenden Straßenkindern, Millionen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, Kriminalität und Drogenmissbrauch, tausenden Verkehrstoten, Umweltzerstörung etc. pp. sollte ein verantwortungsbewusster Politiker besseres zu tun haben, als Hundehaltern Grundrechte abzuerkennen.

P.S.: Die Zahlen stammen alle aus dem Bericht “Der Stadthund”, Heft 24, vom Deutschen Städtetag, die Anzahl der Rassehund-Welpen vom VDH. Textzitate sind mit “” markiert.

Mit freundlicher Genehmigung von dog-press / Torsten Schöppler - tosch14@web.de