Gedanken zum Hundeführerschein
von Torsten Schöppler . Jeder kennt die Szene. Ein Hund läuft mitten durch den Buddelkasten. Die Kinder springen links und rechts zur Seite weg und klammern sich an ihre Mütter. Eine ruft dem Hundehalter oder der Halterin zu, er oder sie möge doch bitte den Hund zurückrufen. Die Antwort ist meist die selbe: “Der tut doch nichts” oder “Der will nur spielen”.
Wer einen Hund hat, der sein Geschäft nicht auf einem Kinderspielplatz zu verrichten hat, ärgert sich über solche rücksichtslosen Zeitgenossen fast genau so wie die Betroffenen selbst. Fällt doch derartiges Fehlverhalten letztendlich auf alle Hundefreunde zurück. So kommt man früher oder später auf den Gedanken, dass Hundehalter zwangsweise Lernen müssten, ihren Hund im Griff zu haben.
Diese Lücke will der VDH ausfüllen. Bundesweit soll es einheitliche Hundeführerscheine geben mit genau festgelegten Ausbildungsinhalten und Prüfungsanforderungen. Im ersten Moment mag das als eine gute Idee erscheinen. Sobald man aber eine Straße überquert oder gar selber am Straßenverkehr teilnimmt, holt einen die Realität wieder ein. Millionen Führerscheine von Autofahrern haben seit Jahrzehnten nichts gegen Verkehrsrowdys aller Couleur ausrichten können. Auch ohne pessimistischen Blick scheint eher alles nur noch schlimmer zu werden. Rücksichtslosigkeit ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem geworden. In der Spaßgesellschaft denken viele nur noch an sich selbst. Im Grunde wäre es ja auch kein Problem, seinen Hund richtig zu erziehen. Man kann jemanden fragen, sich in der Bücherei meterweise passende Lektüre ausleihen oder eine Hundeschule besuchen. Wenn dieses nicht geschieht, dann nur aus Mangel an gutem Willen. Diesen aber kann man niemandem eintrichtern.
Viele Fragen des Hundeführerscheins sind nicht geklärt. Was ist mit Hunden und Haltern, die keinen haben? Bei der derzeitigen Regelungswut der Behörden wird es da wohl bald einige neue Verordnungen geben. Vielleicht dürfen solche Hunde dann nicht mehr ohne Leine geführt werden. Das schafft bekanntlich erst Problemhunde durch Bewegungsmangel und soziale Isolation. Oder werden die Hunde dann eingeschläfert? Zahlen die Halter höhere Steuern oder Versicherungsbeiträge? Gibt es Sanktionen nur für Halter größerer Hunde oder auch für Omas Dackel? Maßnahmen nach Rasse oder Größe der Hunde zu unterscheiden ist oft propagiert worden, war aber noch nie fachlich begründet. Ein schwarzer Wusel, der kläffend über einen Spielplatz tobt und die Schaukel markiert ist ärgerlicher als ein langbeiniger Jagdhund, der auf seinem Weg eher zufällig den Buddelkasten durcheilt.
Bei drohenden Strafen werden bald selbst die blödesten Viecher irgendwie durch die Prüfung geprügelt. Das muss ja nicht ausgerechnet vor den Augen des Ausbilders passieren. So ein Prügelknabe wird vor dem Prüfer wunderbar parieren. An wem er hinterher seine Wut auslässt, steht auf einem anderen Blatt. Die Prüfungsanforderungen sind auch nicht von Pappe. Der Hund muss z.B. auf der linken Seite seines Herren bei Fuß laufen. Was wird nun mit einem älteren Vierbeiner, der perfekt bei Fuß läuft, nur leider auf der rechten Seite, oder einem besonders anhänglichen, der beim besten Willen nicht irgendwo liegen bleibt? Der Hund darf in bestimmten Situationen nicht auf Menschen oder andere Hunde reagieren. Was macht man da mit einem harmlosen Schwanzwedler, der jedes Lebewesen erst einmal begrüßen muss? Was geschieht eigentlich mit völlig friedfertigen, aber auch völlig Ausbildungsresistenten Exemplaren der Gattung Canis familiaris? Wer jemals einen Beagle hatte, weiß, wovon die Rede ist.
Der Hundeführerschein wird das Problem der immer stärkeren Rücksichtslosigkeit in der Bevölkerung nicht lösen. Seine absehbare flächendeckende Einführung wird aber einige neue Schwierigkeiten schaffen Die gesetzlichen Auflagen der letzten paar Monate haben z.B. zu äußerst tragischen Zuständen in den Tierheimen geführt. Die Sanktionen, die den Hundeführerschein zwangsläufig begleiten, werden die Anzahl der abgegeben Tiere noch einmal erhöhen, vorhandene Tiere finden nur ein neues zu Hause, wenn sie auch Gewähr bieten, die Prüfung zu schaffen. Ohne neue drastische Auflagen werden aber genau die Leute nie den Schein machen, die ja eigentlich erreicht werden sollen. Ihr Hund bedeutet für viele Menschen Freude und ein Stück vom Glück in einer kalten Welt. Daher sollte sich ein jeder ohne irgendwelche Beschränkungen auch einen Hund zulegen können. Ein rücksichtsvoller Mensch wird auch ein verantwortungsbewusster Hundehalter sein. Viele Rüpel sind das im übrigen schon durch ihren Hund geworden.
Mit freundlicher Genehmigung von dog-press / Torsten Schöppler - tosch14@web.de
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